Weiterbildungsqualität erkennen: Woran HR wirksame Trainings erkennt
»Etwas nimmt man immer aus einer Fortbildung mit.«
Diesen Satz höre ich erstaunlich oft.
Und natürlich stimmt er irgendwie.
Ein neuer Gedanke. Eine gute Formulierung. Ein Modell, das hängen bleibt. Vielleicht auch ein Vorsatz für das nächste Mitarbeitergespräch.
Aber wenn Unternehmen erhebliche Summen in Weiterbildung investieren, ist »etwas mitnehmen« ein ziemlich bescheidener Anspruch. Allein im Jahr 2022 investierten deutsche Unternehmen nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft 46,4 Milliarden Euro in betriebliche Weiterbildung. Da sollte die Frage nicht lauten:
»Haben die Teilnehmenden etwas mitgenommen?«
Sondern:
»Was können sie danach besser – und was verändert sich dadurch im Arbeitsalltag?«
Denn genau hier beginnt das eigentliche Qualitätsproblem. Ich höre im Austausch mit HR und Führungskräften auch Aussagen wie: »Wenn am Ende zehn oder fünfzehn Prozent wirklich hängen bleiben, ist das wahrscheinlich schon ganz gut.« Meist wird das eher beiläufig gesagt. Als gehöre es zur Weiterbildung eben dazu, dass Menschen zwei oder drei gute Trainingstage erleben, motiviert an ihren Arbeitsplatz zurückkehren – und einige Wochen später vieles wieder im Tagesgeschäft verschwunden ist. Ich finde, wir sollten uns damit nicht zufriedengeben.
Die genannten zehn oder fünfzehn Prozent sind keine wissenschaftlich belegbare Transferquote. Sie beschreiben vielmehr eine Erfahrung, die mir in Unternehmen immer wieder begegnet: Zwischen einem guten Training und einer nachhaltigen Veränderung im Arbeitsalltag kann eine erstaunlich große Lücke liegen.
Die »warme Dusche« ist angenehm – aber noch keine Personalentwicklung
Ein Training kann hervorragend bewertet werden und trotzdem wenig verändern. Die Trainerin war sympathisch. Die Inhalte waren interessant. Es gab gute Gespräche, neue Modelle und einige Aha-Momente. Die Teilnehmenden gehen mit einem guten Gefühl nach Hause. Dann kommt Montag.
Meetings. E-Mails. Zeitdruck. Ein schwieriges Mitarbeitergespräch. Ein Konflikt im Team. Eine Entscheidung, die längst hätte getroffen werden müssen. Und plötzlich zeigt sich, was von der Weiterbildung tatsächlich verfügbar ist.
Ich nenne Trainings, die vor allem einen guten Moment erzeugen, manchmal die »warme Dusche«. Sie inspirieren. Sie motivieren. Sie geben Impulse. Das soll Weiterbildung auch.
Nur: Bei Führung, Kommunikation oder Konfliktmanagement reicht das nicht.
Eine Führungskraft muss ein schwieriges Gespräch nicht nur theoretisch strukturieren können. Sie muss Position beziehen, wenn ihr Gegenüber widerspricht. Sie muss Verantwortung abgeben, obwohl es schneller wäre, die Aufgabe selbst zu übernehmen. Sie muss einen Konflikt ansprechen, obwohl genau das unangenehm ist. Wissen ist noch keine Handlungskompetenz.
Gute Trainings wirken – aber nicht automatisch
Die Forschung zeigt keineswegs, dass Weiterbildung grundsätzlich wenig bewirkt. Gerade Leadership-Trainings können deutliche Effekte auf Lernen, Verhalten und Ergebnisse haben. Interessant ist jedoch, wovon diese Wirkung abhängt. Eine große Meta-Analyse mit 335 unabhängigen Stichproben zeigt unter anderem Zusammenhänge mit einer vorherigen Bedarfsanalyse, praktischer Anwendung, Feedback und unterschiedlichen Lernmethoden.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit zum Transfer von Soft Skills wertete 91 wissenschaftliche Arbeiten aus und identifizierte zahlreiche Faktoren, die beeinflussen, ob Gelerntes später tatsächlich angewendet wird. Der entscheidende Unterschied liegt deshalb nicht zwischen »Training« und »kein Training«.
Er liegt in der Qualität der Entwicklungsarchitektur. Und genau diese Qualität kann HR erkennen.
1. Gute Weiterbildung beginnt weit vor dem ersten Trainingstag
Ein erstes Qualitätsmerkmal zeigt sich, bevor überhaupt ein Trainer oder eine Trainering vor der Gruppe steht:
Welche Fragen stellt der Anbieter?
Ein fertiges Programm lässt sich schnell verschicken. Titel austauschen. Inhalte auswählen. Firmenlogo ergänzen. Das ist das Prinzip Gießkanne. Professionelle Personalentwicklung beginnt anders.
Was soll sich durch die Weiterbildung konkret verändern?
Welche Herausforderungen erlebt die Zielgruppe?
Was beobachtet HR?
Welche Situationen bereiten den Führungskräften Schwierigkeiten?
Welche Verhaltensweisen sollen anschließend häufiger, konsequenter oder sicherer gezeigt werden?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich seriös entscheiden, welche Inhalte überhaupt gebraucht werden. Deshalb gehören Fragebogen, Vorgespräche und die Abstimmung mit HR für mich nicht zum organisatorischen Vorprogramm eines Trainings. Sie sind bereits Teil der Personalentwicklung.
Ein Thema ist noch kein Entwicklungsziel
»Mitarbeiterführung« ist kein Ergebnis.
»Kommunikation verbessern« auch nicht.
Und »Konfliktmanagement« beschreibt zunächst nur ein Themengebiet.
Hochwertige Weiterbildung übersetzt diese Themen in beobachtbares Verhalten.
Aus »Delegation« wird beispielsweise:
Eine Führungskraft überträgt Aufgaben mit einem klaren Ergebnis, einem geklärten Verantwortungsrahmen und einem verbindlichen Termin – ohne die Verantwortung anschließend wieder an sich zu ziehen.
Aus »schwierige Gespräche führen« wird:
Eine Führungskraft spricht kritische Beobachtungen frühzeitig an, formuliert Erwartungen eindeutig und bleibt auch bei Widerstand gesprächsfähig.
Jetzt wird sichtbar, was sich entwickeln soll.
Und erst dann kann später überhaupt beurteilt werden, ob die Weiterbildung etwas verändert hat.
2. Gute Weiterbildung wird trainiert – nicht nur theoretisch vermittelt
Ich sehe immer wieder Programme mit beeindruckend langen Agenden. Nach drei Tagen wurden Führung, Kommunikation, Motivation, Delegation, Konfliktmanagement, Feedback und Selbstmanagement »behandelt«.
Die entscheidende Frage lautet:
Was konnten die Teilnehmenden davon wirklich ausprobieren? Man kann einen Trainingstag problemlos mit Wissen füllen. Modelle erklären. Folien zeigen. Methoden vorstellen. Diskutieren. Noch ein Modell. Noch eine Methode.
Menschen entwickeln dadurch aber nicht automatisch neues Verhalten.
Wer in anspruchsvollen Führungssituationen sicherer werden soll, muss genau diese Situationen trainieren.
• Gespräche führen.
• Formulierungen ausprobieren.
• Reaktionen erleben.
• Fehler machen.
• Trainerfeedback erhalten.
Noch einmal ausprobieren.
Qualifiziertes Trainerfeedback ist nicht generisch und austauschbar:
»Das war schon ganz gut.«
Sondern eine Expertenstimme, die unterstützt und den Nagel auf dem Kopf trifft:
»Hier bist du ausgewichen.«
»An dieser Stelle war deine Erwartung nicht eindeutig.«
»Mit dieser Frage hast du das Gespräch optimal geöffnet.«
»Hier hast du zu schnell die Lösung übernommen.«
»Hohe Klarheit, ruhige, strukturierte Gesprächssteuerung – sehr gut!«
Genau diese Rückmeldungen machen Verhalten bewusst, sichtbar und veränderbar. Eine Teilnehmerin aus der Personalentwicklung beschrieb nach einem unserer Trainings:
»Viele Impulse konnte ich direkt auf berufliche Gesprächssituationen übertragen.«
Das ist für mich Praxisorientierung.
Nicht eine Übung, die zwischen zwei Theorieblöcken eingeschoben wird. Sondern Anwendung als zentraler Bestandteil des Trainings.
Auch die Gruppengröße gehört zur Qualitätsfrage
Zwölf oder fünfzehn Menschen lassen sich problemlos gleichzeitig informieren.
Zwölf oder fünfzehn Menschen intensiv Gesprächsführung trainieren zu lassen, ihre individuellen Situationen zu bearbeiten und jeder Person fundiertes Feedback zu geben, ist etwas anderes.
Deshalb sollte HR nicht nur fragen:
»Wie viele Personen können teilnehmen?«
Sondern:
»Wie viel individuelle Trainings- und Feedbackzeit erhält jede Person tatsächlich?«
Je stärker eine Weiterbildung auf persönliche Verhaltensentwicklung zielt, desto wichtiger wird diese Frage.
3. Gute Weiterbildung endet nicht am letzten Trainingstag
Hier liegt mitunter die größte Schwachstelle vieler Weiterbildungsmaßnahmen.
Das Seminar endet.
Alle fahren nach Hause.
Und jetzt wird gehofft, dass der Transfer irgendwie passiert. Nur ist der Seminarraum eine kontrollierte Lernumgebung. Der Führungsalltag ist es nicht.
Dort entstehen die wirklich interessanten Fragen:
• Was passiert, wenn die Führungskraft das neue Verhalten unter realen Bedingungen ausprobiert?
• Was funktioniert?
• Wo fällt sie in alte Muster zurück?
• Welche Reaktion eines Mitarbeitenden verunsichert sie?
• Wo fehlt noch Sicherheit?
Genau deshalb halte ich Transfer-Coaching nicht für ein komfortables Zusatzangebot:
Transfer Coaching ist ein Must-have.
Es ist Teil des Entwicklungsprozesses. Nach einigen Wochen kommen die Teilnehmenden nicht mit hypothetischen Fällen zurück. Sie bringen reale Erfahrungen mit. Jetzt kann ausgewertet, korrigiert und weitertrainiert werden.
Eine Führungskraft formulierte nach einer unserer Weiterbildungen:
»Das Feedback von Doris Amoon hat mir konkrete Impulse für meinen Führungsstil gegeben und den Transfer in meinen Führungsalltag deutlich erleichtert.«
Das ist der Punkt, an dem Weiterbildung den Seminarraum verlässt.
Transfer ist allerdings nicht allein Sache des Trainers
Auch das Unternehmen beeinflusst, was nach einem Training passiert.
• Kann das Gelernte zeitnah angewendet werden?
• Unterstützt die eigene Führungskraft die Veränderung?
• Gibt es Gelegenheit, neue Verhaltensweisen auszuprobieren?
• Oder kehrt jemand in ein Umfeld zurück, in dem weiterhin genau das Gegenteil erwartet wird?
Gute Personalentwicklung betrachtet deshalb nicht nur den einzelnen Menschen. Sie berücksichtigt auch das Umfeld, in das dieser Mensch zurückkehrt.
4. Gute Weiterbildung misst mehr als Teilnehmerzufriedenheit
Natürlich freue ich mich, wenn ein Training sehr gut bewertet wird.
Aber:
»Tolles Seminar.«
»Sympathische Trainerin.«
»Interessante Inhalte.«
»Gute Atmosphäre.«
sind längst noch keine Belege für nachhaltige Entwicklung.
Sie zeigen zunächst, wie das Training erlebt wurde.
Für HR werden einige Wochen später andere Fragen interessanter:
• Führt die Führungskraft schwierige Gespräche früher?
• Delegiert sie klarer?
• Werden Erwartungen verbindlicher ausgesprochen?
• Hat sich der Umgang mit Konflikten verändert?
• Übernehmen Mitarbeitende mehr Verantwortung?
• Werden Entscheidungen konsequenter umgesetzt?
Weiterbildungsqualität zeigt sich nicht allein daran, wie gut ein Training angekommen ist. Sondern daran, was Menschen danach beobachtbar besser können.
Fünf Fragen, die HR vor einer Buchung stellen sollte
Wenn du Trainingsanbieter vergleichst, würde ich deshalb weniger auf die schönste Agenda und stärker auf den Entwicklungsprozess schauen:
1. Wie wird der tatsächliche Bedarf vor dem Training erhoben?
2. Welche konkreten Verhaltens- und Entwicklungsziele werden vereinbart?
3. Wie viel Trainingszeit entfällt tatsächlich auf Anwendung, Übung und individuelles Feedback?
4. Wie wird der Transfer in den Arbeitsalltag nach dem Training begleitet?
5. Woran soll einige Wochen später erkennbar sein, dass die Weiterbildung etwas verändert hat?
Die Antworten auf diese Fragen sagen häufig mehr über die Qualität eines Weiterbildungsangebots als die Anzahl der Seminartage.
Wenn Weiterbildung günstiger ist: Was genau fällt weg?
Natürlich spielt bei Weiterbildungsentscheidungen das Budget eine Rolle. Das ist selbstverständlich. Interessant wird es allerdings, wenn sich ein Angebot günstiger darstellt, weil genau die wichtigsten Bausteine nicht darin enthalten sind, die Wirkung sicherstellen sollen.
Keine Bedarfsanalyse.
Kein Kontakt vor Trainingsstart.
Weniger Übungszeit.
Größere Gruppen.
Weniger individuelles Feedback.
Kein Transfer.
Dann würde ich nicht nur auf das Budget achten und fragen: »Wie viel sparen wir?«
Sondern:
»Auf welches Entwicklungsergebnis verzichten wir dafür?«
Denn ein günstiger Trainingstag, der anschließend wenig verändert, ist wirtschaftlich nicht wirklich die günstigere Lösung.
Die 46,4 Milliarden Euro, die deutsche Unternehmen allein 2022 in Weiterbildung investiert haben, zeigen:
An Investitionsbereitschaft fehlt es nicht.
Die Frage, die sich stellt ist:
Wie gut wird dieses Geld investiert?
Weiterbildung sollte mehr hinterlassen als ein gutes Gefühl
Eine gute Weiterbildung soll motivieren.
Sie soll inspirieren.
Menschen dürfen begeistert aus einem Training gehen.
Aber dabei sollte sie nicht stehen bleiben.
Für mich beginnt Weiterbildungsqualität mit einer präzisen Analyse. Sie zeigt sich in intensiver, praxisnaher Arbeit während des Trainings. Und sie reicht bis in die tatsächliche Umsetzung im Berufsalltag. HR muss dafür keine Trainingswissenschaft studiert haben.
Drei Fragen reichen für einen ersten Qualitätscheck:
1. Was passiert vor dem Training?
2. Wie wird währenddessen tatsächlich gearbeitet?
3. Und genau was passiert danach?
Die Antworten darauf zeigen ziemlich schnell, ob ein Anbieter Seminare verkauft oder Personalentwicklung gestaltet.
FAQ zur Weiterbildungsqualität
Woran erkennt HR eine hochwertige Weiterbildung?
Hochwertige Weiterbildung beginnt mit einer Bedarfsanalyse, definiert konkrete Entwicklungsziele, arbeitet intensiv mit realen Praxissituationen und begleitet den Transfer in den Arbeitsalltag. Entscheidend ist nicht nur, welche Inhalte vermittelt werden, sondern welches Verhalten sich anschließend verändern soll.
Warum reicht ein gutes Seminar allein oft nicht aus?
Weil Verstehen und Anwenden zwei unterschiedliche Prozesse sind. Gerade bei Führung, Kommunikation oder Konfliktmanagement braucht es Übung, individuelles Feedback und die Möglichkeit, das Gelernte im Arbeitsalltag anzuwenden und weiterzuentwickeln.
Warum ist die Bedarfsanalyse so wichtig?
Sie verhindert Gießkannenprogramme. Eine gute Bedarfsanalyse klärt, welche Herausforderungen tatsächlich bestehen, welche Zielgruppe teilnimmt und welches Verhalten entwickelt werden soll. Erst daraus entsteht ein passendes Trainingskonzept.
Wie kann HR den Erfolg einer Weiterbildung beurteilen?
Nicht allein über Teilnehmerzufriedenheit. Aussagekräftiger ist, ob sich einige Wochen später konkrete Verhaltensweisen im Arbeitsalltag verändert haben – beispielsweise bei Delegation, Gesprächsführung, Konfliktklärung oder Entscheidungsverhalten.
Was sollte HR einen Weiterbildungsanbieter vor der Buchung fragen?
Vor allem nach Bedarfsanalyse, konkreten Entwicklungszielen, Praxisanteil, individuellem Feedback und Transferbegleitung. Ein professioneller Anbieter sollte erklären können, wie aus einem Seminarthema eine tatsächliche Verhaltensentwicklung werden soll.
Doris Amoon
Akademieleitung, Executive Coach & Senior-Trainerin
Schuppan Leadership Akademie
Wenn du das Thema Weiterbildung an der Schuppan Leadership Akademie vertiefen möchtest:
- Inhouse-Schulungen für Unternehmen
Wie wir Weiterbildungen auf den tatsächlichen Entwicklungsbedarf von Führungskräften und Teams ausrichten. - Führungsweiterbildung & Qualifizierungsprogramme
Für Unternehmen, die Führungskompetenz nicht punktuell, sondern über einen strukturierten Entwicklungsprozess aufbauen wollen. - Mitarbeiterführung & Führungskommunikation
Für Führungskräfte, die ihre Gesprächsführung, Delegation, Klarheit und Führungspraxis gezielt weiterentwickeln möchten.